Passagen aus dem Roman von Sandra Gugic: Zorn und Stille (2020)

 

„In letzter Zeit fragte ich mich, ob es mein freier Wille war, der mich in Bewegung hielt, oder ob mein Verhaltensmuster den Zwängen der Vergangenheit wie auch den Erfordernissen des Kommenden geschuldet war.“

„Meine Großeltern hatten ihre Dörfer nie verlassen. Mein Großvater hatte mir als Kind auf meine Frage, ob er niemals Lust gehabt hatte zu verreisen, geantwortet, auch der Wechsel der Jahreszeiten sei eine Reise.“

„Aber schon früh war ich mir sicher, dass hinter der Fassade aus Ordnung, Zurückhaltung und Bildung in den Familien der anderen dieser Wahnsinn ebenso lauerte.“

„Wie immer hatte sie keine Zeit, trotzdem, wie immer, hatte sie Lippenstift und Rouge aufgetragen.“

„Wovon hatten meine Eltern geträumt, als sie Jugoslawien verließen? Und mit welchem Recht?“

„Wir leben alle in unserer eigenen Version der Wahrheit.“

„Wie alle Reisenden habe ich mehr gesehen, als meine Erinnerung fassen kann, und gleichzeitig fasst meine Erinnerung mehr, als ich gesehen habe.“

„Sie waren gemeinsam weggegangen und blieben doch für sich allein, alles drehte sich um die Arbeit, oft begegneten sie einander erst spätabends, erschöpft und sprachlos.“

„Ich bin ratlos in diesen Tagen. Ich frage mich, woher eigentlich der Drang nach dauernder Bewegung kommt, nach Erleben. Kann es sein, dass, wenn wir aufhören, etwas zu tun, unsere Angst stärker wird? Was werden wir sehen, wenn wir aufhören, uns in eine bestimmte oder unbestimmte Richtung zu bewegen?“

„Immer war sie hungrig gewesen nach einer anderen Zukunft als der, die sie im Dorf erwartet hätte.“

„Aber ich verstehe das Land nicht. Weder das eine, in dem wir beide aufgewachsen sind, noch dieses andere.“

„Ich erinnere mich an die Nachrichtenbilder vom Krieg, die in jedem Krieg die gleichen zu sein scheinen. Wir haben die Welt dauernd vor Augen, und doch geht sie uns scheinbar nichts an. Die Bilder erreichen uns, aber wir wissen, es sind nur Bilder. Und die gehen uns erst dann etwas an, wenn die Menschen die Bilder verlassen und plötzlich vor uns stehen. Wenn wir nicht mehr wegklicken können.“

„Azra und er waren so beschäftigt mit ihrer Arbeit, ihrem Alltag, sie wussten im Grunde nichts über die eigene Tochter.“

„Ich reise weiter, wie ich immer gereist bin, mit leichtem Gepäck, ohne Erwartung, ohne Eile.“

Zorn und Stille

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